Mobilität wird nicht nur ein Geschäft sein – sondern bleibt ein Grundbedürfnis!

Der Megatrend Digitalisierung fördert die Kreativität und den Erfindergeist zahlreicher Personen, Start-Ups und Unternehmen. Für alle Lebenslagen werden software- bzw. app-gestützte Geschäftsmodelle vorgeschlagen. Gemeinsam ist den Lösungen meistens, dass sie die grossen Probleme selbstlos lösen wollen – das Gewinnstreben wird hinter utilitaristischen Worten versteckt. Was dabei das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl ist, wird von den Geschäftsmodellen praktischerweise selbst definiert.

Im Bereich Verkehr und Mobilität gibt es viele Ideen: Sharing, Mikromobilität, Autonome Fahrzeuge, neue Fahrzeugkonzepte, Mobility as a Service, Drohnen. Jede dieser Techniken verspricht die Verkehrsprobleme zu lösen. Die gegenwärtigen Erkenntnisse zeigen aber unter anderem,

  • dass Mitfahrdienste (z.B. Uber oder Lyft) nicht zu einer höheren Auslastung von Autos führen, sondern zu mehr Staus (Erhardt 2019, Schaller Consulting 2017),
  • dass selbstfahrende Privatautos zu mehr Verkehr führen (ETH im Rahmen Forschungsauftrag ASTRA 2019),
  • dass E-Trottinette im Selbstverleih zwar modern und trendig sind und den ÖV ergänzen können, aber die Strassen nicht entlasten (civity 2019) und ein Sicherheitsproblem darstellen könnten (Die Ostschweiz 2020).

Diese drei – zugegebenermassen willkürlich gewählten – Beispiele zeigen, dass neue digitale Angebote und neue Technik die Probleme nicht von selbst und nicht alleine lösen werden. Sie benötigen auch künftig eine abgestimmte Infrastruktur und eine abgestimmte Planung – und diese wird auch künftig nur der Staat bereitstellen können. Da wir uns alle bewegen und mobil sein wollen, muss die Verkehrsplanung und die daraus resultierende Infrastruktur das Produkt einer demokratischen Willensbildung sein. Dies wird anstrengend, aber nur eine demokratisch akzeptierte Zielvorstellung ermöglicht die Akzeptanz für Veränderungen im Verkehrs- und Infrastrukturbereich: z.B. schmalere Fahrzeuge, Flottenbesitz statt Einzelbesitz, Lenkungsgebühren und Verzicht auf hohe Verkehrsleistung.

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Nachweise im Internet:

Mitfahrdienste führen zu mehr Staus

Original-Quellen: Erhardt 2019: https://advances.sciencemag.org/content/5/5/eaau2670  /  Schaller Consulting: http://schallerconsult.com/rideservices/unsustainable.pdf

Deutschsprachige Presseberichte zu den Quellen: https://www.scinexx.de/news/technik/mehr-staus-durch-uber-und-co/  /  https://tageswoche.ch/politik/uber-verschlimmert-stau-probleme-in-staedten/

Selbstfahrende Privatautos führen zu mehr Verkehr

Original-Quelle: Bundesamt für Strassen (2019): Induzierter Verkehr durch autonome Fahrzeuge: Eine Abschätzung. Forschungsprojekt SVI 2016/001 auf Antrag des SVI. Im Internet: http://www.mobilityplatform.ch/de/webviewer/download/28135/dHash/c2ed2e089134c8c9fa39c1b3e9edc03b48fbb6f5/?tu=0

Pressebericht: https://www.tagesanzeiger.ch/wissen/technik/eth-selbstfahrende-autos-fuehren-in-der-schweiz-zu-mehr-verkehr/story/30388725

Diskussion: https://ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/baug/ivt/ivt-dam/news/bz-knellwolf-mehr-verkehr.pdf

E-Trottinette-Verleih löst die Verkehrsprobleme nicht

Datenauswertung für Deutschland: http://scooters.civity.de/

E-Scooter helfen offenbar kaum bei Verkehrswende: https://www.spiegel.de/auto/aktuell/e-scooter-spass-fuers-wochenende-statt-alternative-zum-auto-a-1278655.html

Erfahrungen aus St. Gallen: https://www.dieostschweiz.ch/artikel/e-trottinett-stadt-stgallen-zieht-ein-durchzogenes-fazit-VzbyQ9P

 

 


Über den/die Autor/in

Carsten Hagedorn

Carsten Hagedorn ist Professor für Verkehrsplanung und Leiter des HSR Kompetenzzentrum Fuss- und Veloverkehr

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